Kommunikation? WIE bitte! (2020)

Do., 23.04.2020 - 16:18 von

Aktuell wird viel kommuniziert. Dabei stehen bedeutsame Themen (wie z.B. Gesundheit, Freiheit, Verantwortung, Risiko) auf der Agenda. Die Vielfalt an Inhalten, Informationen, Meinungen - teilweise widersprechend, teilweise gegenseitig bestärkend - lädt ein, sichere Positionen zu suchen und zu beziehen.

Das Pendeln zwischen wahr und falsch, vielstimmige Debatten bezüglich eines richtigen Weges - all das kann aber auch schwindelig machen, so dass man das Gefühl hat, den Boden unter den Füßen zu verlieren. Ein stabiler Stand(-punkt) ist schwer zu finden. Gerade dann, wenn es unübersichtlich wird, kann es hilfreich sein - zumindest vorübergehend - Komplexität zu erhöhen. Besonders auch in Hinblick auf Alltagsverständnisse scheinbar so vertrauter Begriffe wie zum Beispiel “Kommunikation”.

Spätestens dann, wenn zur Abstützung von Entscheidungen Formulierungen zu vernehmen sind wie “Die Wissenschaft hat festgestellt, dass …”, ist es Zeit, Distanz zu schaffen - nicht bloß räumliche. Auch auf die Gefahr hin, zeitweise seine Position zu verlieren. Das lohnt sich. Gewinnt man doch im Gegenzug Spielraum für das eigene Denken, Fühlen und Handeln. Ein Wechsel der Beobachterposition vom  “Was” zum “Wie” ist besonders geeignet, Abstand zu gewinnen. Für diese besondere Perspektive steht insbesondere Niklas Luhmann.

"Ausgeschlossen ist [...] die Auffassung, daß Kommunikationssysteme, also soziale Systeme, wahrnehmen können. Diese These ist schwer bewußt zu machen, da das Bewußtsein ganz selbstverständlich und buchstäblich gedankenlos von einer Wahrnehmungswelt ausgeht und alles, was für es vorkommt, in dieser Wahrnehmungswelt vorkommen läßt. Auch natürlich Kommunikation. Aber wenn man die theoretische Reflexion von Was-Fragen auf Wie-Fragen umstellt, also nicht mehr fragt, worüber kommuniziert wird, sondern wie kommuniziert wird, zeigen sich die Schwierigkeiten. Kommunikation kann nicht gut als »Übertragung« von Information von einem (operativ geschlossenen) Lebewesen oder Bewußtseinssystem auf ein anderes begriffen werden. Sie ist eine eigenständige Art der Formbildung im Medium von Sinn, eine emergente Realität, die zwar bewußtseinsfähige Lebewesen voraussetzt, aber auf keines dieser Lebewesen und auch nicht auf alle zusammen zugerechnet werden kann. Sie vollzieht eine im Vergleich zum Bewußtsein sehr langsam arbeitende, sehr zeitraubende Sequenz der Transformation von Zeichen (was unter anderem heißt, daß das an der Kommunikation teilnehmende Bewußtsein Zeit hat für eigene Wahrnehmungen, eigene Imaginationen, eigene Gedankenarbeit). Sie greift mit eigenen Rekursionen vor und zurück auf weitere Kommunikationen und kann überhaupt nur so, das heißt nur im Netzwerk selbstproduzierter Kommunikation, operative Elemente des eigenen Systems, eben Kommunikationen, produzieren. Sie bildet dadurch ein eigenes autopoietisches System im strengen (nicht nur »metaphorisch« gemeinten) Sinn dieses Begriffs. Und in genau dieser Organisationsform der eigenen Autopoiesis kann Kommunikation weder Wahrnehmungen aufnehmen noch selbst Wahrnehmungen produzieren. Sie kann natürlich über Wahrnehmungen kommunizieren – so wenn jemand sagt: ich habe gesehen, daß …" (Luhmann 2007, S. 19-21).

* Luhmann, Niklas (2007): Die Kunst der Gesellschaft. 1. Aufl., [Nachdr.]. Frankfurt a. M.

Zitiervorschlag: Broszio, Andreas (2020): Kommunikation? WIE bitte? Blogbeitrag auf der  Forschungsplattform der DIPLOMA Hochschule. Auf: https://www.science.de/index.php/artikel/kommunikation-wie-bitte.

Kommentare

Hallo Herr Broszio, vielen Dank für das interessante Zitat und den Kommentar drumherum. Was würden Sie von der Möglichkeit halten die wissenschaftlichen Fragestellungen im Kontext der Systemtheorie zu erweitern zum "Wozu wird beobachtet". Damit kann sowohl eine ethische als auch eine funktionale Perspektive eröffnet werden. Das wurde doch wunderbar auch zu Systemtheorie und zum Systemischen Arbeiten passen?

Viele Grüße, Jan V Wirth

Neuen Kommentar hinzufügen

Target Image