Gesünder durch die Pandemie?! (2020)

Di., 15.09.2020 - 08:47 von
Prof. Dr. phil. Jan V. Wirth
, zuletzt bearbeitet am 25.09.2020 - 08:29

„Als ich auf dem Crosstrainer stand, stellte sich von einem Moment auf den anderen ein Hüsteln ein, das später beim Sprechen manifest blieb. Eine Diagnostik beim Facharzt ergab einen unklaren Befund in Richtung funktionale Überlastung der Stimmbänder bzw. des Sprechapparates. Vier Wochen lang hatte ich dieses Reizhüsteln. Auf einer Fahrt mit dem Zug nach Hause bekam ich dann plötzlich unerklärliche Schmerzen im linken Bein, so als wenn ein Pfeil in meinem Oberschenkel stecken würde. Am Bahnhof holte meine Frau mich ab und fuhr mit mir sofort zum Klinikum in die Notaufnahme. Ich bekam Heparin. Der Verdacht auf Covid-19 bestätigte sich nicht. In den folgenden Stunden stand die Diagnose fest: eine Mehretagen-Thrombose und weit in die Peripherie ausgebreitete Lungenembolie. – Hätte der Zug Verspätung gehabt, hätte ich vielleicht diesen Artikel nicht mehr schreiben können.“

Die Pandemie beeinflusst stark unsere Lebensführung. Aufgrund der Infektionsrisiken scheuen Menschen den Arztbesuch. Quarantäne, mangelnde Bewegung, begrenzte Laufwege und Schreibtischarbeit werden ein aktuell zunehmender Risikofaktor für die Gesundheit und können das Thrombose-Risiko erheblich erhöhen (Deutsche Gesellschaft für Angiologie e.V. 2020 – Pressemitteilung).

Hätten Sie es gewusst? Über 40.000 Menschen sterben in Deutschland an den Folgen einer Lungenembolie, das sind mehr Tote als durch Verkehrsunfälle, Brust- und Prostatakrebs und HIV zusammen. Häufigste Ursache dafür ist eine Thrombose. Diese kann Menschen jeden Alters treffen. Jährlich werden knapp über 370.000 Neuerkrankungen an Thrombose, Phlebitis und Thrombophlebitis registriert. Rund 50.000 Menschen erkranken pro Jahr an einer Lungenembolie (ebda.).

Thrombose wird auch als "schleichende Krankheit" bezeichnet. Der Verfasser kann aus eigener Erfahrung berichten, dass so gut wie keine Anzeichen zu spüren sein können außer eine unterhalb der normalen Wahrnehmungsschwelle zunehmende körperliche Mattigkeit, Schlappheit und schwerer sich anfühlende Beine. Der Facharzt für Hals, Nase und Ohren, der wegen dem Reizhusten beim Sprechen aufgesucht wurde, suchte offenkundig in der falschen Richtung. Denn er vermutete eine funktionale Störung des Sprechapparates.

Der hier genutzte Tunnel-Blick des Experten und der Expertin, der oft zu einer gesteigerten Analysefähigkeit isolierter Phänomene führt, erweist sich an dieser Stelle als zu eng und nicht hilfreich. Eine biopsychosoziale Perspektive, für die auch der Verfasser dieses Beitrags in seinen Arbeiten der letzten Jahre, insbesondere auch mit Heiko Kleve, einsteht, hätte Zusammenhänge zu einer latent entstehenden Lungenembolie ziehen können. Diesen nicht unmittelbar auf der Hand liegenden Zusammenhang hätte allerdings nur eine gemeinsame Erhebung der durch die Pandemie veränderten gesamten Lebenssituation herstellen können.

Die Arbeit bzw. das Studium für unsere Studierenden im Home-Office führen nicht nur dazu, dass der Weg zur Arbeit unnötig wird. An und für sich sind auch die Wege im eigenen Zuhause kürzer als in den Büro-Gängen auf der Arbeitsstelle. Diesbezüglich kann als Empfehlung gelten, z.B. alle 2 Stunden etwa 20-50 Kniebeugen o. ä. Maßnahmen zur Vorbeugung von Thrombose und Embolie zu beherzigen und zu realisieren. Mehr Freude machen jedoch Bewegungen an der frischen Luft wie zügiges Spazieren oder Radfahren, mindesten zwei bis dreimal am Tag für mindestens 20 Minuten.

Verwiesen sei ebenso auf die bekannten „May’schen Regeln der Thrombosevorbeugung“. Das Aktionsbündnis Thrombose hat eine Übersicht mit einfachen Übungen wie der „Fußwippe“ oder „Zehenspitzen heben“ anschaulich aufbereitet und zum kostenlosen Download auf der Website bereitgestellt.

Dass der Mensch ein „Laufwesen“ und kein Sitzwesen sei, ist uns als Wissen geschenkt. Es genügt aber nicht zu wissen, sondern es muss auch getan werden. Vermeiden Sie Treppen oder Steigungen? Schade. Das Herannahen an Treppen bietet eine ideale Gelegenheit über die eigene Lebensführung nachzudenken und hervorragende Situation, um die „Venenpumpen“ anzuwerfen.

Wie lässt sich systematisch der Bewegungsarmut beikommen? Diese Fragen hätte ich an Sie:

1. Wenn Sie sich wie von außen betrachten, entdecken Sie Episoden im Alltag, in denen Sie sich über mind. 120 Minuten wenig oder gar nicht bewegen, etwa am Schreibtisch? Diese einfache Frage lässt sich eigentlich nur beantworten, wenn Sie bereits eine Zeitmessung benutzen.

2. Schaffen Sie sich gezielt Bewegungspausen? Gehen Sie etwa mindestens 2-3 -mal zügig 2 oder mehr km am Stück ums Haus, durchs Dorf oder mehrmals durch einen Park (Rad, Skater, Roller, aber kein Elektroroller...:) etc.).

3. Wie konstruieren Sie sich Ziele? Dokumentieren Sie diese, etwa über entsprechende Fitness-Tracker. Achten Sie parallel auf ihr Gewicht (z.B. BMI), Getränke (mindestens 2 l täglich) und Energieumsatz (Kalorien).

4. Wer wird Sie dabei unterstützen? Schaffen Sie sich soziale Unterstützung. Artikulieren Sie und feiern Sie gemeinsam Erfolge!

5. Bewerten Sie regelrecht ihre Aktivitäten? Diskutieren Sie sie mit einer Person Ihres Vertrauens, die einer wertschätzenden wie kritischen Stellungnahme fähig ist.

6. Welche Steigerungen gibt es hierbei zu vermelden? Steigern Sie Ihre Leistungen, bis Sie Ihre auch von außen anerkennenswerten Ziele erreichen.

7. Wie gelingt es Ihnen, sich selbst zu spüren? Genießen Sie Ihr verbessertes Körpergefühl.

Was sich mitnehmen lässt?

Zwar habe die Medizin so gewaltige Fortschritte gemacht, dass sich kaum noch gesunde Menschen finden lassen, so Huxley. Festhalten lässt sich, dass Gesundheit am besten dreidimensional, nämlich biopsychosozial, verstanden und sich vermehren lässt. Der Umgang mit Bewegungsarmut und daraus entstehenden Krankheiten soll hier als Beispiel dienen, dass isolierte, d. h. nur auf einer Ebene wie etwa der rein körperlichen, der rein psychischen oder nur der rein sozialen Ebene gestaltete, Veränderungen nur zufällig von Dauer für die „Lebensführung als Ganzes“ sind.

Lebensführung ist ein komplexer Sachverhalt, bei dem Kopf (Geist), Herz (Seele) und Hand (Körper) gleichermaßen zusammenspielen (Wirth/Kleve 2020).

Dabei ist es sekundär, ob es um Rauchen, übermäßiges Trinken, Adipositas, illegalen Drogenkonsum oder kaum noch steuerbare Spielsucht etc. geht. Gestaltungsmöglichkeiten und Veränderungen sollten biopsychosozial erörtert werden. Zur Steigerung der eigenen Gestaltungsmöglichkeiten ist folgende Annahme hilfreich: Das Bewusstsein wohnt nicht im Körper, sondern der Körper wohnt im Bewusstsein (Peter Fuchs). Wer oder was gestaltet? Wer oder was wird gestaltet?

So lässt sich aus der Krise wie so oft im Leben eine Chance entwickeln. Die aufmerksamen Leser/innen werden im Titel des Beitrags eine absichtsvoll hergestellte Zweideutigkeit bemerken. Die Formel "Gesünder durch die Pandemie" kann einen Prozess oder ein Ursache-Wirkungs-Verhältnis anzeigen. Fakt ist: mein zu einseitig gewordenes Leben hat sich durch die tödliche Bedrohung positiv verändert. Spaziergänge werden in ihren biopsychosozialen Wirkungen stark unterschätzt und das Fahrrad ist zum Fahren gebaut, nicht um hübsch geputzt im Keller zu stehen. Das klingt simpel? Stimmt, es geht aber nicht um Wissen, sondern um das wirkliche Machen.

Lassen Sie uns zusammen durch unser zu oft gespaltenes Leben mit gemeinsam gewonnenen Einsichten wie diesen navigieren: Bewegung ist nicht alles, aber ohne Bewegung ist alles nichts.

Mehr davon: Jan V. Wirth, Heiko Kleve (2020). Von der gespaltenen zur verbundenen Lebensführung. Systemische Wege für das alltägliche Leben. V & R.

Kontakt: Jan V. Wirth, Prof. Dr. phil. – Studiendekan im Fernstudiengang “Psychosoziale Beratung in Sozialer Arbeit” (M.A.) an der Privaten staatlich anerkannten Hochschule DIPLOMA, Mail: janv.wirth@outlook.de

 

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