Dialogische Intelligenz (2020)

Di., 30.06.2020 - 12:07 von , zuletzt bearbeitet am 30.06.2020 - 09:59

Dialogische Intelligenz - Manchmal muss es umständlich sein.

Im Buch "Dialogische Intelligenz. Aus dem Käfig des Gedachten in den Kosmos des gemeinsamen Denkens" (Tobias HartkemeyerMartina HartkemeyerJohannes F. Hartkemeyerdreht sich alles um eine zentrale und vor allem zukunftsweisende Angelegenheit: den Dialog. Die Autoren stellen sich die Frage

"wie man sich angesichts der flirrenden Meinungen, gegensätzlichen Kommentare, unterschiedlichen Stellungnahmen, unbefriedigenden Gespräche ein tragfähiges Bild von unserer Welt machen kann?" (Kindle-Position 140)

Sie vertreten die Ansicht - und belegen das auch in vielfältigen Beispielen - dass es

"auch unter extremsten Bedingungen möglich [ist], anzuhalten und zurückzutreten von dem verordneten Bild und sich grundsätzliche Fragen, wie wir in der Welt sein wollen, neu zu stellen." (Kindle-Position 245).

Die Bereitschaft, dies zu tun kann ebenso als zeitgemäßes Bildungsziel betrachtet werden wie die Fähigkeit, eine solche (neue) Beobachterposition einzunehmen.

Mit Rekurs auf David Bohm kritisieren sie ein defragmentierendes Denken, das fließende Übergänge ignoriert und einzelne 'Dinge' überbetont. Die dermaßen stark reduzierte Landkarte wird dann - um eine bekannte Metapher zu bemühen - mit der Landschaft verwechselt. Dann kommt man nicht weiter. Das Scheitern althergebrachter Konzepte kann und sollte dann aber als Ressource betrachtet werden. Es kann uns für Neues öffnen.

Die dazugehörige Kompetenz lässt sich folgendermaßen beschreiben: 

"Zielorientiert, schnell, auf Gewinnen orientiert – so argumentieren wir in Diskussionen, wenn es eben darum geht, das Gegenüber zu überzeugen oder durch die besseren Argumente vor einem Publikum zu gewinnen, qualifizierter zu erscheinen und durch Wissen zu überzeugen. In einer Situation, in der es aber gar nicht um Gewinnen oder Verlieren geht, sondern in der ein besseres Verstehen des Konfliktes notwendig ist, sind grundlegend andere, dialogische Qualitäten gefragt: Dem Gegenüber zuhören, um ein wirkliches, tieferes Verständnis zu ermöglichen, und auch in mich selbst hineinhorchen, mir über meine eigenen Gefühle, Bedürfnisse und Denkschablonen klar werden. Also meinen Blick zu weiten, anstatt ihn zielorientiert zu verengen." (Kindle Position 320)

Diese dialogischen Qualitäten sind eingebettet in einen spezifischen Zielentwurf des Dialoges:

Es geht in Dialogprozessen nicht um die Frage von richtig und falsch, sondern um das Bewusstwerden, das Erkennen und Benennen unterschiedlicher Weltsichten, Perspektiven und Interpretationen, die wir aufgrund unserer Biografien aus ganz verschiedenen Gründen entwickelt haben. Jeweils mit guten Gründen, nachvollziehbar und berechtigt – und so unterschiedlich wie Menschen eben sind." (Kindle-Position 352)

Die Germanen verfügten bereits über ein methodisches Setting, in dem die metakognitive Kompetenz zur Relativierung begrenzter Sichtweisen zur Geltung gebracht wurde: Sie gestalteten Gerichtsverhandlungen in einer Art und Weise, die möglichst viele Personen in die Urteilsfindung einbezog (alle freien Männer). Die Anwesenden bildeten den sogenannten Umstand (althochdeutsch: unbestand). 'Umstände machen' - Das war in diesem (kommunikations-)kulturellen Kontext kein negativ konnotiertes Konzept. 

Der Begriff „Umstände“ für die alten germanischen Stammesrunden klingt heute in dem negativen Akzent von „umständlich“ nach. Dabei hätte er für seine ursprüngliche Intention eine Aufwertung verdient. Denn dass jemand „ohne Umstände“ zur Sache kam, hieß ja, er hatte die freien Männer – heute kämen auch Frauen – nicht befragt. Noch für Goethe war es wünschenswert, eine Sache „umständlich“, das heißt mit allen wichtigen Bedingungen, erklärt zu bekommen. (Kindle-Position 494)

Darüber lohnt es sich (gemeinsam) nachzudenken.

Zitiervorschlag: Broszio, Andreas (2020). Dialogische Intelligenz - Manchmal muss es umständlich sein.Blogbeitrag auf der  Forschungsplattform der DIPLOMA Hochschule.  Auf: https://www.science.de/artikel/dialogische-intelligenz-2020. Erstellt am 30.06.2020.

Kontakt: Andreas Broszio, Dipl. Päd., E-Mail: andreas.broszio@sbh-nord.de

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